Politischer Podcast Reiner Wein Gast Prof. Andrea Komlosy

Nach uns die Arbeit, vor uns die Sklaverei?

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Die Historikerin und Migrationsforscherin Andrea Komlosy ist Gast beim politischen Podcast Reiner Wein. Die Entwicklung der Erwerbsarbeit ist Thema der Sendung. Während es den Tausch von Arbeitskraft gegen Lohn schon länger als den Kapitalismus gibt, ist die Trennung von Lohnarbeit und unbezahlter (vor allem häuslicher) Tätigkeit, die ebenfalls Arbeit darstellt, eine relativ neue Entwicklung.


Nach uns die Arbeit, vor uns die Sklaverei? – Gast: Andrea Komlosy | Reiner Wein Interview (Quelle: Idealism Prevails/YouTube)

Erst an der Wende zum 19. Jahrhundert wurde die Lohnarbeit in Fabriken zentralisiert. Etwa 100 Jahre später wurde in den Köpfen der Menschen die Formel „Arbeit = Erwerbsarbeit“ verankert. Die Leistung zum Erhalt des Haushalts, die sogenannte Reproduktionsarbeit, die zum Erhalt der menschlichen Arbeitskraft unverzichtbar ist und die in vorindustriellen Zeiten auch für generationsübergreifende Gewerbebetriebe überlebensnotwendig war, verschwand aus der Wahrnehmung, weil sie unbezahlt geleistet wurde. Dennoch muss die Reproduktionsarbeit weiterhin erbracht werden; im marxschen Sinne ist sie Teil des Mehrwerts, auch wenn Karl Marx dies in seinen Analysen nicht erkannt hat.

Die Disziplinierung zur (Erwerbs-)Arbeit

Kapitalismus als Bezeichnung für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung sollte nicht mit dem Begriff der Marktwirtschaft gleichgesetzt werden, weil des den Markt schon immer gegeben hat. Schon in vorindustriellen Zeiten wurde (zumindest teilweise) für den in der Gesellschaft eingebetteten Markt produziert.

Andrea Komlosy sagt, der Anteil zwischen Lohnarbeit und unbezahlter Arbeit sei schwer abzuschätzen, je nach Verfassung der Wirtschaftskonjunktur unterliegt er Schwankungen. Dies gilt auch für den informellen Sektor, der sich in Krisenzeiten ausweitet. Dagegen sei eine hohe Zahl an Ehrenämtern beziehungsweise ehrenamtlicher Tätigkeit grundsätzlich ein Zeichen für eine prosperierende Gesellschaft, denn wenn jeder ständig ums Überleben kämpfen müsste, wäre für diese Form der Arbeit wenig Zeit.

Die mit der Einführung zentralisierter Arbeitsplätze einsetzende Mobilität der Lohnarbeiter wurde durch den flächendeckenden Ausbau der Bahn verstärkt. Diese überregionale „Mobilisierung von Arbeitskraft“ setzte allerdings schon wesentlich früher ein: Zum Beispiel wurden Millionen Sklaven aus Afrika nach Amerika verschifft.

Die ersten gesetzlichen Regulierungen des Manchesterkapitalismus, die zuerst von Unternehmerseite motiviert wurden, setzten Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Damals wurde die Erwerbsarbeitszeit für Jugendliche und Frauen auf 63 Stunden pro Woche reduziert. Allerdings gab es diese „Arbeitszeitverbesserungen“ zumeist nur für Industriearbeiter und auch nur in der westlichen Welt. Bemerkenswert ist, dass im vorindustriellen Zeitalter wesentlich weniger gearbeitet wurde, entsprechend verlief „die Disziplinierung“ zu so hohen Arbeitspensen, wie sie der Kapitalismus verlangte, nicht ohne massive Reibungen.

Durch die raschen und großen Veränderungen, die die Industrialisierung hervorbrachte, wurden die familiären Verhältnisse und sozialen Strukturen stark zerrüttet – ein Thema, das die damalige Literatur breitflächig aufgriff.

Vom Industriearbeiter bis zum Überwachungskapitalismus

Henry Ford war nicht der erste, aber wohl der bekannteste Unternehmer, der erkannt hat, dass Arbeiter nicht nur produzieren, sondern auch konsumieren. Entsprechend setze er sich für Arbeitsplatz- und Lohnverbesserungen ein, sofern sie seine Absatzzahlen steigerten. Damit erreichte er auch eine Spaltung der Arbeiterbewegung: die gut situierten Arbeitskräfte in den Fabriken waren für Arbeitskämpfe wesentlich schwieriger zu motivieren als die vielen Arbeiter in der Peripherie (Plantagen, Bergwerke et cetera), die weiterhin in ärmlichsten Verhältnissen lebten und eine geringe Lebenserwartung hatten.

Die Verlagerung dieser Arbeitsverhältnisse in die ehemaligen Kolonien und in rohstoffreiche Länder, die auf die Kapitalverwertungskrise der 1970er-Jahre folgende Verschiebung der Produktion in Billiglohnländer, die Vorteile der neuen Konkurrenten in Asien aufgrund ihrer Führerschaft im Bereich der Digitalisierung und der zunehmende Ausbau des Überwachungskapitalismus sind weitere Themen des Gesprächs.


Über unseren Gast

Reiner Wein Politischer Podcast Gast Prof. Andrea Komlosy

Prof. Dr. Andrea Komlosy (Jahrgang 1957) ist Historikerin. Sie studierte Geschichte an der Universität Wien und der Université de Bretagne Occidentale in Brest. 1984 promovierte sie im Bereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Anschließend arbeitete sie in Museen und übernahm Lehrtätigkeiten in Wien, Linz, Graz, Innsbruck und Honolulu. Als Professorin ist sie am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien tätig. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Habsburgermonarchie und ihrer Nachfolgestaaten im 18. bis 20. Jahrhundert, Migrationsforschung sowie Industrie- und Globalgeschichte. Sie veröffentlichte zahlreiche Sachbücher. Im Verlag Promedia erschienen zum Beispiel „Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert“ (2014) und „Grenzen – Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf“ (2018).


Fotos und Video: Reiner Wein und Idealism Previals

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Redaktion von "Reiner Wein", dem politischen Podcast aus Wien.
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